Piniensommer

Der zweite Band von „Sternenboot“ kann ohne Weiteres für sich alleine stehen. Die Charaktere sind gereift und bekamen Zuwachs, die Geschichte bezaubert mit Natürlichkeit und durch den Schreibstil von Stefanie Gerstenberger. Man kann sich den kleinen Ort und die Villa mit dem abbröckelnden Putz an der sizilianischen Küste gut bildlich vorstellen. Wer das erste Buch kennt, wird überrascht sein, dass bekannte Nebenfiguren nicht mehr missgünstig hinter der Hauptfigur – der unehelichen, einer Tante zur Erziehung zugeschobenen Tochter des verarmten Marchese – hinterher luren sondern sie wie eine normale Dorfbewohnerin behandeln. Diese Tatsache tut dem Roman gut! Weiterlesen


Anschlag von rechts

Beim Lesen dachte ich, dass dieses Jugendbuch Schullektüre sein sollte. Denn erstens deckt Reiner Engelmann die Hintergründe zu einem real stattgefundenden Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft auf. Und zweitens gibt er sehr gute Einblicke in die Perspektive handelnder Akteure. Bereits beim Lesen des Prologs denkt man sich seinen Teil. Dann erhält man die Sichtweise von mehreren Geflüchteten, warum sie konkret den Weg nach Europa und wie sie in Deutschland landeten. Dann, wie es zu dem Anschlag kam und dazu die Sichtweise der Mütter der Täter und letzterer selbst. Die drei Täter werden ebenfalls gut beschrieben, man erfährt ihre Art zu agieren, naiv zu denken und erkennt, dass sie von Wut auf ein anscheinend perspektivloses Leben und dazu auf der Suche nach Anerkennung sind. Sie trinken viel Alkohol und stacheln sich gegenseitig in ihrer Wut auf. Sündenböcke finden sich leicht: Ausländer, die nichts haben und alles bekommen, was ihnen fehlt… Im dritten Teil nimmt sich Engelmann den Prozess vor, beleuchtet das richterliche Urteil und die darauffolgenden Reaktionen.

Auf die Art der inhaltlichen Zusammenstellung entstand ein sehr eindringliches, hochaktuelles Buch. Nicht nur für Jugendliche lesenswert.

ENGELMANN, R. (2017): Anschlag von rechts, cbj Verlag

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar!


Aus hartem Holz

Die Trägerin des Pulitzerpreises Annie Proulx schrieb einen dicken Schmöker rund um das Verhalten europäischer Einwanderer und Holzfäller. Primär dreht sich der Roman um die Art, wie Einwanderer von den riesigen Urwäldern zwischen Neufundland und den Großen Seen Besitz ergriffen und begannen diese konsequent zu fällen. Ohne einen Gedanken an Aufforstung zu verschwenden, denn diese Wälder sind ja unendlich.
Die Ureinwohner spielen eine Rolle, allerdings völlig anders als gedacht. Zeitlich bewegt sich Proulx zwischen 1627 bis in die Gegenwart. Dazu legte sie zwei Stammfamilien an. Anhand deren Nachfahren und vieler Nebenfiguren springt sie in die verschiedenen, aufeinanderfolgenden Epochen rund um das Fällen der großen Wälder. Weiterlesen


Die Fliederinsel

Was nach einem locker-luftigen Strandroman ausschaut, entpuppt sich als historischer Roman mit Tiefgang.  In zwei Erzählsträngen – einer heute, einer zwischen 1933 und 1945 handelnd – beschreibt Sylvia Lott wie jüdische Familien aus Deutschland in Dänemark aufgenommen; und wie sie innerhalb einer Nacht größtenteils außer Landes ins neutrale Schweden gebracht wurde. Dies gelang, weil die Dänen zusammenhielten, mit der Denkart der Nazis nichts gemein hatten und sich als ein Volk ansahen.

 

Die Erzählstränge

Diese Haltung und wie es zu dieser Nacht kam, beschreibt die Autorin anhand eines Ehepaares, das im Laufe der Zeit zur kleinen Familien wächst. Weiterlesen


Zeitgemäß: „Vaterland“

Ein alter Roman neu aufgelegt in einer Zeit in der Autokratien wieder modern werden, bedenkt man die Situation in der Türkei oder sogar in den U.S.A. Robert Harris erster Roman bezirzt mit dichter Atmosphäre, klaren Personen und einer Utopie, die einem beim Lesen fast als echt erscheint. Man dankbar ist, dass es eben nur ein Roman ist. Die Utopie: Hitler gewann 1942 den Krieg und Europa entwickelt sich völlig anders als heute. Gelesen habe ich den Titel bereits in den 1990-er Jahren, ihn nochmal jetzt zu lesen, löst nicht nur Schaudern sondern auch ein „hoffentlich passiert so etwas in der Art mit Europa nie“- Gefühl in mir aus.

Ein Krimi und eine Utopie

Im Jahr 1964 feiert Hitler Geburtstag und es passieren merkwürdige Dinge. Die SS ermittelt im gigantischen Berlin, denn die Stadt wurde nach Plänen von Albert Speer rundherum neu bebaut. Die Stadtrundfahrten erscheinen vor dem inneren Auge sehr plastisch. Die Charaktere der Akteure sind blendend heraus gearbeitet, insbesondere die der historischen Personen, und zeigen sehr genau die Repressalien durch eine Autokratie. Die Geschichte ist extrem spannend erzählt.
Auch interessant ist das Nachwort des Autoren zur Neuauflage und zur Ersterscheinung. Denn letztere zog sich den Unmut Großbritanniens vor 25 Jahren zu.

HARRIS, R. (2017/1992): Vaterland, Heyne Verlag

Ich bedanke mich für das Lesesexemplar beim Verlag!