Fesselnd: Deutsches Haus

Es ist sehr gut geschrieben. Kein Wort zuviel, das Ungesagte wird durch angedeutete Beschreibungen sofort erfasst. Die Geschichte baut sich nach und nach auf. Man lernt die Figuren kennen, ahnt zunächst nur, worum sich der Roman später eindringlich dreht und findet sich im Jahr 1963 zurecht. Zwischen einer Frau, deren Verlobter beim Auftraggeber telefonisch den Auftrag entzieht, weil er nicht will, dass sie beim 1. Ausschwitz-Prozess dolmetscht. In einem Jahrzehnt zwischen Wirtschaftswunder, Winnetou auf der Leinwand, dass dem jetzigen 2018 doch irgendwie ähnlich sieht: bloß keine alten Kriegsverbrechen auf den Tisch kommen lassen und Leuten, die das genau andersrum sehen.

Sachlich & emotional

Sachlicher Schreibstil, so, dass man sich die Figuren gut vor dem inneren Auge vorstellen kann und so, dass man bis zu gewissem Grad ein wenig Abstand zu den zu Wort kommenden Zeitzeugen halten kann. Gut recherchiert und inhaltlich aufgebaut – das betrifft sowohl die Fassade des elterlichen Wirtshauses der Dolmetscherin Eva als auch die Einordnung des Prozesses in die damalige Zeit. So wechseln sich manchmal haarsträubende, wahre Begebenheiten mit banalen Zwischenstücken aus dem Alltag Evas ab. Die Vorbereitungen zum Prozess in die sie involviert wird bis hin zur Zeit danach. Die einzelnen Muster knüpfte Annette Hess zu einem festen Teppich zusammen. So, dass Leser das, worum es hier geht, leichter lesen und innerlich abfedern können.

„Dieser Roman kommt genau zur richtigen Zeit.“, äußerte sich Iris Berben laut Umschlagtext zu diesem Buch. Ihre Aussage trifft den Kern. Denn wer das Parteiprogramm der AfD liest, wird viele Parallelen zur Stellung der Frau in den 1950-/60-er Jahren finden. Wer heute die Aufmärsche und Hetzen der rassistischen, antisemitischen, antimuslimischen, anti-alles-Ungewohnte Menschen mit Wissen um und Bewusstsein für Geschichte betrachtet, erkennt die Parallelen.

ANNETTE HESS (2018): *Deutsches Haus, Ullstein Verlag

Ich bedanke mich beim Verlag für das Leseexemplar!

*Wenn du das Buch bei Amazon kaufst, verdiene ich ein paar Cents – du lädst mich sozusagen zu einem Tee ein.
Der Link ist ein Service für dich. Die Verlage stellen mir ihre Bücher zur Verfügung – ich bezahle sie mit meiner Zeit und Rezension. Und bleibe dennoch unabhängig in meiner Meinung.

 

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