1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation

Ein Kommentar

51xSiMlrt2L._SX342_BO1,204,203,200_Es ist kein einfach geschriebenes Buch, zudem noch ein in wissenschaftlichem Stil verfasstes. Für Leser, die sich für die Antike, für geschichtliche Zusammenhänge im Kontext zur Gegenwart interessieren, ist es eine Wucht. Denn die Geschichte der Blütezeit mehrerer Hochkulturen zwischen 1500 und 1200 vor Christus im östlichen Mittelmeerraum ist nicht nur hochspannend. Sie ist auch vergleichbar mit der heutigen, globalisierten Welt. In deutlich kleinerem Verhältnis trieben die Ägypter, Assyrer, Hethiter, Minoer, Mykener nicht nur Handel miteinander. Sie tauschten sich politisch, wirtschaftlich und kulturell miteinander aus. Besaßen eigene Zentren der Macht und Kulturen. Der Archäologe Eric Cline erzählt die Geschichte dieser Zeit und lässt vor dem inneren Leserauge ein detailliertes Bild entstehen.

Hat man sich erstmal in seinen Stil eingelesen, glaubt man während des Lesens in dieser Zeit zu sein. Das ist – gerade für so einen sachlich-wissenschaftlichen Schreibstil – eine beachtliche Leistung.

Perspektivwechsel

Normalerweise schaut man in dieser Zeit in das alte Ägypten „hinein“ – sei es in Romanen oder, weil man eh schon viel von ihnen weiß. Eric Cline nimmt einen Wechsel der Perspektive vor: Ägypten war zwar das mächtigste Reich jener Zeit, der oben genannte Austausch fand allerdings damals nicht mehr im Land am oberen Nil statt sondern in den Reichen grob zwischen dem heutigen Griechenland und Jordanien. Und internationaler Austausch ist ein Zeichen von Zivilisation und Komplexität. Allerdings brach diese um 1177 zusammen. Einerseits, weil die so genannten Seevölker um 1200 v. Chr. herum anfingen diese Reiche zu überfallen und sie daraufhin zusammenbrachen. Das ist eine These, die der Autor so nicht stehen lassen möchte. Denn Überfälle allein können doch nicht dafür zuständig sein, oder? Man weiß so vieles nicht.

Zerstörten Katastrophen Kultur und internationalen Handel?

Naturkatastrophen, Überfälle an Handelsrouten, Dürren und daraus entstehende Kriege und Nöte hält der Autor für verständlicher für den Untergang dieser Kulturen. Kommen darauf noch Völker, die der bereits geschwächten Zivilisation durch Überfälle auf den Leib rücken, ist der Gedanke an die heutige Zeit nicht fern. Denn auch heute haben wir es in unserer Welt mit den Folgen des Klimawandels, Aufständen, Völkerwanderung und kollabierenden Wirtschaftssystemen zu tun. Viele Vorgänge, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen, aber wirtschaftliche starke Zivilisationen und Kulturen den Untergang bereiten können.

Aus diesem Buch lassen sich gewaltig viele Rückschlüsse

  • auf die gegenwärtigen Vorgänge in der Europäischen Union,
  • der Situation rund um das Mittelmeer,
  • den Auswirkungen des Klimawandels,
  • der Ausbeutung natürlicher Ressourcen des Planeten und
  • unser wahnsinnig komplexes Wirtschafts- und Handelssystem

ziehen.
Dieses Buch ist eine sehr aufschlussreiche Lektüre und absolut lesenswert!

CLINE, E. (2015): 1177 v. Chr., der erste Untergang der Zivilisation, Theiss Verlag, 28.95 €

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Autor: Silke Bicker

Als wissbegierige Leseratte schmökere ich vorwiegend in spannenden und unterhaltsamen Romanen. Mag auch Sachbücher über Landschaftsnutzung und Geschichte gerne! Was ich hauptberuflich anbiete, lesen Sie unter https://www.erdhaftig.de

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